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Was ein E-Learning-Portfolio bewirken kann

Was ein E-Learning-Portfolio bewirken kann
Warum Sie ein E-Learning-Portfolio benötigen

von Tom Kuhlmann

Vor einer Weile wollte ich jemanden mit Erfahrung in der E-Learning-Entwicklung einstellen. Mich erreichten hunderte von qualifizierten Bewerbungen, die ich unmöglich alle im Detail durchgehen konnte. Also wollte ich einen ersten Filter vorschalten und nach den Portfolios der Bewerbenden gehen. Die allermeisten fielen jedoch in eine von zwei Gruppen: Entweder sie hatten kein E-Learning-Portfolio oder die Projekte, an denen sie bisher gearbeitet hatten, waren vertraulich und konnten folglich nicht gezeigt werden.

Ich weiß, dass viele von Ihnen auch in eines der beiden Lager fallen. Und angesichts der zahllosen E-Mails zum Thema „Arbeit in der E-Learning-Branche finden“, die ich regelmäßig bekomme, möchte ich Ihnen ein paar Denkanstöße geben, warum ein Portfolio für die berufliche Weiterentwicklung so wichtig ist – und zwar auch, wenn Sie nicht gerade auf Jobsuche sind.

Bereit sein, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft

Gelegenheiten bieten sich an jeder Ecke. Wer jedoch nicht vorbereitet ist, sieht sie nicht. Aber auch wenn Sie die Augen offen halten, wissen Sie vielleicht nicht unbedingt, wonach Sie Ausschau halten sollen. Wenn Sie ein Portfolio zur Hand haben und dann von einem Job oder Auftrag Wind kriegen, können Sie schnell zuschlagen. Haben Sie keins zur Hand, scheuen Sie sich vielleicht, sich überhaupt auf die Gelegenheit hin zu melden.

Ein weiterer Vorteil: Ihr Portfolio soll zeigen, was Sie können. Das zwingt Sie dazu, zu reflektieren, was Ihre Stärken sind. Und dabei fallen Ihnen vielleicht auch Lücken auf, an denen Sie arbeiten können. Das kann Sie motivieren, noch besser zu werden.

Ich habe schon oft nach Mitarbeitenden gesucht, und die meisten Bewerbenden sagen das gleiche: dass sie kein Portfolio haben und dass sie ca. eine Woche bräuchten, um eines zusammenzustellen. Bei den meisten Stellen- oder Auftragsausschreibungen ist die Zeit aber knapp, und eine Woche Verzögerung kann da schnell das Aus bedeuten. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, sollten Sie bereit sein.

Behalten Sie das Heft in der Hand und zeigen Sie, was Sie können

Viele E-Learning-Entwickler stehen vor denselben zwei Problemen: Sämtliche Kurse, die Sie erstellen, sind vertraulich und dürfen nicht weitergegeben werden. Und die Anforderungen Ihrer Arbeitgeber liegen unter ihren Möglichkeiten.

Viele berichten wie gesagt, dass Sie nicht weitergeben dürfen, woran Sie gearbeitet haben. Für das Unternehmen macht das Sinn, aber nicht für Sie. Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Arbeitgeber durch seine Inhalte auch Ihre Talente unter Verschluss hält. Und lassen Sie ebenso wenig zu, dass Sie Ihre Fähigkeiten über seine geringen Ansprüche definieren. Es geht nicht darum, dass Sie gegen Ihren Arbeitgeber arbeiten, sondern für sich selbst.

Vor vielen Jahren habe ich bei einem kleinen Gesundheitsdienstleister gearbeitet. Der Arbeitsplatz war toll, aber das Budget war chronisch knapp, und so musste ich sehr kreativ werden mit meinen Projekten.

Das war ein zweischneidiges Schwert. Zum einen speisen sich viele Tipps und Tricks, die ich heute so gerne mit anderen in der Branche teile, aus der Not, ohne Geld und andere Mittel etwas zustande zu bringen. Zum anderen habe ich für meine Kreativität zwar Lob bekommen, aber die Projekte, die ich entwickelte, waren keine, mit denen ich mich woanders hätte bewerben können. So musste ich separat ein Portfolio aufbauen, das nicht durch die geringen Ressourcen und Ansprüche meines Arbeitgebers limitiert war.

Man könnte es auch so ausdrücken: Wenn Ihnen gekündigt wird, geht der Großteil Ihres kreativen Schaffens den Bach runter. Denn wenn Sie erst mal kein Teil des Unternehmens mehr sind, haben Sie in der Regel keine Möglichkeit, an Ihre eigene Arbeit heranzukommen oder an die Tools, mit denen sie entstanden ist. Auch deshalb ist es wichtig, ein Portfolio anzulegen und zu pflegen.

Was sollte in Ihrem E-Learning Portfolio enthalten sein?

Das E-Learning ist eine wirklich vielfältige Branche. Von Solo-Selbstständigen, die sich mit allem ein bisschen auskennen müssen, bis hin zu spezialisierten Fachleuten in großen Teams, die sich voll auf einen Aspekt wie Grafikdesign oder Kursentwicklung konzentrieren können. Persönlich bin ich der Meinung, dass E-Learning als Geisteswissenschaft betrachtet werden sollte, in der viele Facetten zusammenkommen.

In diesem Sinne ist die folgende Liste der Fähigkeiten zu verstehen, die Sie in Ihrem E-Learning-Portfolio herausstellen können (und zu denen Sie im Bewerbungsgespräch zumindest etwas sagen können sollten):

  • Instruktionsdesign: Können Sie Beispiele für Projekte geben, in denen Sie unterschiedliche didaktische Ansätze verfolgt haben? Die meisten Kurse, die ich sehe, sind linear und textlastig, aber vielleicht können Sie ja spannende Beispiele vorweisen, die zeigen, wie sich die Lernenden auf kreative und motivierende Weise abholen und einbinden lassen.
  • Grafikdesign: Instruktionsdesign ist in aller Munde, aber das Grafikdesign ist fast genauso wichtig. Tatsächlich haben sich viele, die ich in die engere Auswahl genommen habe, durch ihr Grafikdesign hervorgetan. Im Zweifel ist mir immer jemand lieber, der ein gutes Auge für Gestaltung hat, da dieser Bereich auch viele andere wichtige Aspekte wie Aufmerksamkeit, Kommunikation und Usability berührt.
  • Vielfalt: Zeigen Sie nicht zwanzig Kurse, die alle gleich aussehen. Wenn Sie bisher halt nichts großartig unterschiedliches produziert haben, nehmen Sie sich etwas Zeit, um auf eigene Faust ein paar Beispiele zu erstellen. Das müssen keine vollumfänglichen Kurse sein. Eine Interaktion hier, ein Szenario da reichen völlig. Oder nehmen Sie sich ein Thema vor und präsentieren es auf drei unterschiedliche Weisen. Wenn Sie hierzu gern einen Anstoß oder Inspiration hätten, machen Sie bei einer der wöchentlichen Challenges auf E-Learning Heroes mit.
  • Projektmanagement: Sie müssen kein Projektmanager sein, aber Sie sollten wissen, was dazugehört, um ein Projekt von Anfang bis Ende zu betreuen. Wie werden E-Learning-Kurse veröffentlicht und bereitgestellt? Wie lange dauert es, einen fertigen Kurs zu entwickeln? Welche Mittel sind dazu nötig? Wie viel kostet das Ganze? Welche Daten und Gestaltungselemente brauchen Sie, und woher bekommen Sie sie?
  • Texte: Ich halte die Dinge gerne schlicht. Deshalb will ich nur zwei Arten von Beispielen für Texte sehen: Sachtexte und Dialoge. Wie verständlich und strukturiert können Sie Abläufe schriftlich darstellen? Und wie glaubwürdig und interessant sind Ihre Dialoge?
  • Technologie: Sie müssen nicht programmieren können, aber Sie sollten wissen, wie die Software funktioniert, die Sie verwenden. Und je mehr verschiedene Tools Sie beherrschen, desto besser. Souveräner Umgang mit einschlägigen Tools der Branche katapultiert Sie sogar recht zuverlässig in die oberen Bereiche der Kandidatenlisten. Auch Wissen um und Erfahrung mit Barrierefreiheitsfunktionen gehören längst zum Standard.

E-Learning Portfolio – wo fange ich an?

Wenn Sie noch nie ein Portfolio zusammengestellt haben, habe ich ein paar Tipps, wo Sie am besten anfangen:

  1. Erstellen Sie eine einfache Fallstudie für jedes Projekt. Sie muss gar nicht ausgefallen oder umfangreich sein. Beschreiben Sie einfach das Projekt, seine Ziele, was Sie gemacht haben und was am Ende dabei herausgekommen ist. Wenn Sie Beispiele haben, fügen Sie sie an. Wenn nicht, bauen Sie wenigstens ein paar Screenshots ein. Legen Sie den Fokus auf eine professionelle und spannende optische Darstellung der Projekte.
  2. Dokumentieren Sie Ihre Erfahrungen in einem Blog. Schreiben Sie auf, was Sie tun und warum; welche Gedanken Sie sich bei dieser oder jener Entscheidung gemacht haben. Wenn Sie Inspiration brauchen, nehmen Sie an den wöchentlichen Challenges auf E-Learning Heroes teil, schreiben Sie über Ihren Ansatz und Ihren Prozess. Und stellen Sie Ihre Dateien als Downloads zur Verfügung.
  3. Vernetzen Sie sich mit anderen. Der größte Erfahrungsschatz ist nichts wert, wenn Sie keine Möglichkeit haben, ihn zur Schau zu stellen (Portfolio), und niemanden haben, dem Sie ihn zeigen können (Ihr Netzwerk). Das Gute an Blogs und anderen Kanälen wie Facebook, LinkedIn oder der Community auf E-Learning Heroes ist, dass Sie Kontakt zu anderen Menschen in der Branche aufnehmen können. So können Sie dazulernen, und andere lernen Sie kennen und sehen, was Sie draufhaben. Tatsächlich haben einige E-Learning-Entwickler, die ich kenne, ihre Jobs dadurch bekommen, dass Sie ein Portfolio erstellt und es mit anderen geteilt haben.

Wenn Sie langfristig in der E-Learning-Branche bleiben und sich beruflich weiterentwickeln möchten, ist ein Portfolio unabdingbar. Ob sich Ihnen tolle Chancen auftun, können Sie nicht beeinflussen, wohl aber, wie Sie sich darauf vorbereiten!