von Tom Kuhlmann
Immer wieder sehe ich Portfolios, die offensichtlich exakte Kopien anderer Portfolios sind. Das ist keine gute Idee, vor allem, da es bei einem Portfolio ja darum geht, zu präsentieren, was Sie können. Sich von anderen inspirieren zu lassen ist eine Sache, ein Plagiat ist eine ganz andere. Diesen Unterschied nicht zu kennen, kann Ihrer Karriere einen gehörigen Dämpfer verpassen.
Ich will hier keine Namen nennen. Denn auch wenn ich glaube, dass einige Fälle durchaus auf Vorsatz beruhen, ist anderen vielleicht gar nicht klar, dass sie im Grunde nicht im eigenen Interesse handeln.
Heute möchte ich Ihnen deshalb ein paar Möglichkeiten zeigen, wie Sie Inspiration finden können und in Ihre EIGENE Arbeit einfließen lassen können und wie Sie diese Arbeit dann möglichst vorteilhaft präsentieren. Am Ende steht keine Kopie der Arbeit eines Anderen, sondern ihre eigene Arbeit, die sich aus der Inspiration Anderer speist.
Schritt 1: Eine Inspirationsquelle finden
Inspiration kann aus allen möglichen Quellen kommen. Egal, ob Sie sich gezielt an Gleichgesinnten orientieren oder ihr Inspirationsnetz weiter auswerfen und ungewöhnlichere Wege einschlagen, die Welt steckt voller Inspiration, wenn man nur die Augen aufmacht. Ich konzentriere mich bei meiner Suche gern aufs Visuelle und Interaktive. E-Learning ist sehr visuell, es schadet also nie, mehr über Grafik- und UX-Design zu lernen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Transformation von statischen Inhalten zu interaktiven Erlebnissen.
Legen Sie am besten einen Ideenordner auf Ihrem Computer oder in Ihren Browser-Lesezeichen an. Ich suche z. B. hier nach Inspiration:
- Design-Websites wie Dribbble, auf denen Sie die Arbeit Anderer durchstöbern können. Oft werden dort auch kostenlose Gestaltungselemente angeboten.
- Präsentations-Websites wie Slideshare, auf denen Sie sehen können, wie Andere ihre Arbeit präsentieren. Hier können Sie auch leicht Screenshots und Bildschirmaufnahmen machen, um sich später an das Gesehene zu erinnern.
- Smartphone-Apps sind auch gute Inspirationsquellen. Ich lade mir immer wieder andere Apps herunter, nur um zu sehen, wie sie aufgebaut sind und wie Benutzer mit ihnen interagieren, um an Inhalte zu kommen. Auch auf diese Art habe ich schon Ideen zur Kursgestaltung bekommen, besonders wenn ich auf der Suche nach einer innovativen Idee für die Navigation bin.
- Multimedia-Präsentationen sind auch wertvoll. Nachrichtenseiten haben meist schlichte, interaktive Multimedia-Demos für die heißesten Meldungen. Leider scheinen sie heutzutage mehr Arbeit in die Interaktionen und weniger in den Journalismus zu stecken, aber das ist ein anderes Thema.
- Vorlagen-Websites wie Template Monster und Theme Forest eignen sich gut, um verschiedene Layouts zu durchstöbern und Ideen für Folien und Farben zu sammeln.
Schritt 2: Die Inspirationsquelle dekonstruieren
Mit am besten lernt man, wenn man Dinge, die einen interessieren, dekonstruiert. Da ich hauptsächlich mit Storyline arbeite, überlege ich immer zuerst, ob ich das, was ich sehe, mit Storyline nachbauen könnte. Manchmal geht das, manchmal nicht. Mir geht es einfach darum, sowohl mit der Idee als auch mit der Software herumzuspielen.
- Ich dekonstruiere die Inspirationsquelle und versuche zu erkennen, warum der Autor oder die Autorin diesen und nicht jenen Ansatz verfolgt hat. Dann notiere ich mir, was mir gefällt und was ich vielleicht anders machen würde.
- Ich versuche einen funktionstüchtigen Prototypen zu bauen. Manchmal steht am Anfang eine Interaktion, die mir gefällt, manchmal vielleicht eine Design-Idee. Ich versuche jedenfalls, was ich sehe, in der Software nachzubauen, um herauszufinden, was geht und was nicht. Ein netter Nebeneffekt ist, dass ich dabei oft neue Produktionstechniken entdecke.
Zu diesem Zeitpunkt geht es noch nicht um ein fertiges Produkt, sondern einfach um einen passenden Prototyp.
Schritt 3: Das Gelernte auf etwas Neues anwenden
Aus Inspiration sollte Iteration folgen. Das Ziel ist nicht, eine Kopie anzufertigen. Die Branche ist nicht allzu groß, weshalb es schnell auffällt, wenn Sie eine Idee von jemandem kopieren. Das Ziel ist daher, Übung zu bekommen und das Gelernte auf etwas Eigenes, Neues anzuwenden.
Wenn Sie eine Animation gefunden haben, die Sie anspricht: Wie würden Sie sie in Ihrem Kontext verwenden? Gibt es vielleicht Layouts, die Sie in wiederverwendbare Vorlagen gießen können? Können Sie dieselbe Interaktion in einem anderen Kontext einsetzen?
Zu guter Letzt noch ein paar abschließende Gedanken:
- Wenn Sie eine Idee von Kolleginnen oder Kollegen übernehmen, erwähnen Sie sie als Inspirationsquelle. Das ist nicht nur anständig, sondern schafft Vertrauen. Es beugt auch potenziellen Vorwürfen vor, wenn Ihre Arbeit der einer Kollegin ähnelt.
- Zeigen Sie Anderen, was Sie geschaffen haben (wenn es nichts Vertrauliches ist). Bieten Sie zusätzlich die Quelldatei (oder eine vergleichbare Vorlage) zum Download an oder nehmen Sie ein Video auf, in dem Sie Ihr Vorgehen erklären. So bauen Sie gleichzeitig Ihre Marke auf.
- Und wenn Sie in den Weiten des Internets mal etwas sehen, was Ihrer Arbeit verdächtig ähnlich sieht, machen Sie Ihren Frieden damit, dass es Menschen gibt, die schamlos kopieren. Betrachten Sie es als Kompliment. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass mehrere Menschen gleichzeitig auf denselben Gedanken kommen. Mir ist es mehr als einmal passiert, dass ich einen Blog-Beitrag fertig geschrieben hatte, nur um ein paar Tage vor der Veröffentlichung einen sehr ähnlichen Beitrag eines Kollegen zu lesen. Das zeigt nur, dass viele Ideen in der Branche herumgeistern und dass wir manchmal einfach gleichzeitig darauf stoßen. So ist das nun mal.
Das Ziel der ganzen Sache ist, die Dekonstruktion als Inspirationsquelle zu nutzen. Und dann daraus etwas Ähnliches, aber ganz Eigenes zu erschaffen. Und was dabei herauskommt, das zeigen Sie dann in Ihrem Portfolio.